Erhaltungszucht von Wald- und Steinschafen

Regionale Vielfalt mit Charakter und Charme
„Zuhause bei den schönsten Schafen der Welt“ - so fühlt sich Barbara Zeppenfeld, wenn sie mit ihrer bunten Schafsherde auf der Schwäbischen Alb und im Kellerwald unterwegs ist. Das Waldschaf war einst eine in Süddeutschland weit verbreitete Landschafrasse, das mit den steilen Hanglagen und dem rauhen Klima gut zurecht kam. Ebenso das meist mit einer dunklen Zeichnung versehene Krainer Steinschaf, das auch als das Milchschaf der Alpen bezeichnet wurde und in seinem Wesen sehr menschenbezogen ist. Heute sind diese Schafrassen nur noch wenigen Menschen bekannt, denn diese Nutztiere sind in ihrem Bestand drastisch zurückgegangen und waren in den 80er Jahren nahezu restlos verschwunden.


Auch Nutztierrassen können aussterben, selbst wenn sie über viele Jahrhunderte mit dem Menschen zusammengelebt und gearbeitet haben. Denn ihr Überleben ist nur dann gesichert, wenn sich jemand um diese Tiere kümmert. Barbara Zeppenfeld hat 2005 den Entschluß gefasst, dieser Entwicklung entgegenzutreten und hat mit ihrer ArcheSchäferei die auf der roten Liste stehenden Waldschafe und Krainer Steinschafe adoptiert: „Ich habe erst vor etwa 8 Jahren wirklich verstanden, dass nicht nur wilde Tierarten und viele unserer einheimischen Kultur-Pflanzen selten geworden sind, sondern dass dies auch für unsere landwirtschaftlichen Nutztier-Rassen gilt. Und weil die kaum jemand kennt, fällt es gar nicht auf, dass sie verschwinden. Das geht und ging nicht nur mir so.“
Glückliche Begegnungen
Mit ihrer ArcheSchäferei hat sich Barbara Zeppenfeld der Erhaltungszucht von selten gewordenen Schafrassen zugewandt, die in der modernen Landwirtschaft nicht mehr eingesetzt werden und nahezu lautlos aus unserer Umgebung verschwunden sind. Dabei kam ihr ein glücklicher Zufall zur Hilfe, ehe sie zu den Wald- und Krainer Steinschafen fand: „Auf einer Ausstellung bin ich wunderschönen, nie zuvor gesehenen Schafen begegnet. So habe ich 2005 mit der Zucht seltener Schafrassen begonnen, was mir sehr viel Freude bereitet.“ Diese Freude teilt sie mit allen Besuchern, die ihre Herde im Kellerwald oder auf der Schwäbischen Alb antreffen und auch Patenschaften für ihre bedrohten Schafe übernehmen können.
Es gibt immer was zu sehen bei „den schönsten Schafen der Welt“, so Barbara Zeppenfeld. Und das ist gut so, denn ihre Aufgabe sieht sie auch darin, „diese Tiere wieder in die Köpfe und Herzen der Menschen zu bringen. Dass sie die wunderbare Vielfalt erleben, die Schönheit der Tiere und ihrer Lebensräume entdecken, dass sie selbst wieder mal im Gras sitzen und sich von Wolkenkindern verzaubern lassen oder die Schafherde beim Wandern begleiten.“
Erhaltungszucht mit besonderem Flair
Erhaltungszucht verfolgt andere Ziele als die moderne Hochleistungszucht, die die Tiere mit Kraftfutter auf schnelles Wachstum und einen hohen Fleischertrag optimiert und damit zu einer genetischen Verarmung führt. In der Erhaltungszucht geht es demgegenüber um den Erhalt einer breiten Genetik, also um die Weitergabe von möglichst vielfältigem Erbmaterial von vielen verschiedenen Tieren an die kommende Generation. Werden diese Tierstämme mit Infektionen oder Klimaveränderungen konfrontiert, brechen nicht gleich große Bestände weg und so bleiben auch keine eklatanten Versorgungslücken zurück. Erst recht nicht droht eine globale Epidemie. Dieses Potential zu erhalten ist die Aufgabe der Erhaltungszucht.

Barbara Zeppenfeld hält daher eine recht umfangreiche Bockherde und setzt jedes Jahr mehrere Böcke zur Zucht ein. „Neben der breiteren Genetik kann so auch das Wesen der Vatertiere ganz anders beurteilt werden, als bei künstlicher Besamung.“ Mit ihren Waldschafen und Krainer Steinschafen hat sie eine gute Wahl auch hinsichtlich der Gutmütigkeit ihrer Vatertiere getroffen. Und das Familienleben bleibt gewahrt: Die jungen Lämmer werden nicht von ihren Müttern getrennt und werden selbst von ihren Vätern beaufsichtigt.
Durch ihr traditionell strukturiertes Leben in der freien Natur sind die Tiere ihrer Schafherde ausgeglichener und besser an die Umwelt und das regional vorhandene Futterangebot angepasst. Krankheiten treten vereinzelt auch in ihrer Schafherde auf. Nur fällt ihr Urteil verhaltener als in der pharmazeutisch betreuten Landwirtschaft aus: „Auch unsere Tiere müssen mit althergebrachten und vermehrt auch mit neuartigen Infektionen klar kommen. Auch sie sind dem Infektionsdruck und verstärkt auftretenden extremen Klimaschwankungen nicht immer gewachsen. Doch muss jede Generation sich der Prüfung in freier Natur stellen, so wie Jahrhunderte lang zuvor deren Vorfahren. Robuste, anpassungsfähige Individuen und Rassen sind die Folge - und so wollen wir sie auch erhalten.“
Vom Kreislauf der Natur zum Kreislauf der Kultur
Ein weiterer Vorteil der alten Rassen ist es, dass sie mit dem in der Region vorhandenen Grundfutter meistens gut klar kommen und somit keine teuren Kraftfutterzugaben benötigen, die meist in Übersee auf gerodeten Waldflächen produziert werden. Alte Landrassen hingegen schaffen es auch ohne zusätzliches Kraftfutter und leben meist viel länger. So gibt es seit einigen Jahren eine ernstzunehmende Debatte, wieder vermehrt auf die Lebensleistung der Tiere zu achten und nicht nur auf kurzfristigen schnellen Ertrag. Hier sind auch die Verbraucher gefordert ihre Konsumgewohnheiten zu überdenken und anzupassen, z.B. indem sie verstärkt auch einheimische und naturnah produzierte Waren kaufen.

Barbara Zeppenfeld geht es nicht nur um den Erhalt der vom Aussterben bedrohten Tierarten, sondern auch darum den Kreislauf der landwirtschaftlichen Tradition und die Produktion von daraus gewonnnenen Produkten aufrecht zu erhalten. Hierzu hat sie neben ihrer Archeschäferei ein Biobüro eingerichtet und zahlreiche Kooperationen aufgebaut, um die anfallenden Mengen an Schafswolle ansprechend und hochwertig zu verarbeiten: „Meine Aufgabe als Hüterin der Herden ist es, gut für die Tiere zu sorgen, neue Züchter zu interessieren und die Projekte rund um Schaf und Wolle zu initiieren. Ein Jahreskreislauf auf dem Schaf und vieler Hände Arbeit sind nötig, bis die fertigen Waren zum Verkauf bereitet sind.“
Individualität ganz groß
So individuell die von ihr angebotenen Wollartikel ausfallen, so individuell sind auch die Schafe, die das Wollkleid ehemals getragen haben. Alle Tiere ihrer Schafsherde sind leicht voneinander zu unterscheiden, auch ohne dass man einen Blick auf die Ohrmarke benötigt. Jedes Tier sieht anders aus: Waldschaf Emma hat Hörnchen und dunkle Punkte auf der Nase, Steinschaf Lilly ist grau und ihr Lämmchen Lara dunkelgescheckt, die Lämmer Chassey und Leopold sind fast schwarz haben aber die charakteristischen Zeichungen der Krainer Steinschafe an Kopf und Hals.


Waldschaf Trixie hat kürzlich Nachwuchs bekommen und animiert die Kleine zu Trinken. Und Gandalf ist der Graue, der auf die halbwüchsigen Lämmer aufpasst.
Barbara Zeppenfeld möchte auch weiterhin andere Menschen für die Schönheit dieser Nutztierrassen begeistern, denn nur so ist ihr Überleben auch in den kommenden Generationen gesichert: „Dazu braucht es Menschen, die sich für die Schönheit und Gutmütigkeit dieser Tiere begeistern können.“
Wer Barbara Zeppenfeld und ihrer Schafherde begegenen möchte, kann sie auf den Weideflächen und Heuwiesen im Naturpark Kellerwald und auch auf der Schwäbischen Alb antreffen. Die Schafe haben nahezu ganzjährigen Weidegang und auch im Winter besteht für sie genügend Auslaufmöglichkeit.
Auszeichnungen
Seit 2010 ist die ArcheSchäferei anerkannte NutztierArche der Vereinigung „Vieh e.V.“. Darüber hinaus wurde ihr das Gütesiegel "slow farming" verliehen, womit bestätigt wird, dass sie gentechnikfrei produziert und eine Landwirtschaft "ohne Hast und Turbomast" betreibt.
Dieses Jahr, am 2. Juni 2013, wird die ArcheSchäferei als offizielles UN-Dekade Projekt im Rahmen der Dekade Biologische Vielfalt anerkannt.

